Kurz und knapp

Liebe Federfreunde

Eins müsst ihr wissen: Schöne Sätze sind nicht kompliziert verworren verschlungen verschachtelt hochgeschraubt und aufgetakelt silikongespritzt und künstlich gewitzt doppeltgemöpselt aufgestöpselt überkandidelt überschniedelt und unendlich unkenntlich unverständlich, sondern: einfache Wörter werden neu kombiniert.

Alles klar? Ich gebe euch hier ein Beispiel aus der Bibel, dem Buch der Bücher: „Er weht nach Süden, dreht nach Norden,/ dreht, dreht, weht, der Wind./ Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.“ Kohelet 1,6.

Sind diese schlichten Sätze nicht wundervoll – keine scheinheiligen Dekorationen und verlogenen Rosarüschen, sondern schlank und schön wie ein junges  Perlhuhn. Vergesst also bitte nicht: Kraftvolle Sprache ist präzise und direkt. Mein guter Freund Antoine de Saint-Exupéry sagt: Perfektion entsteht nicht dann, wenn man nichts mehr hinzufügen kann, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.“ 

Ich mache es so:

  1. Ich streiche im Text halt mal quasi regelrecht praktisch alle Füllwörter. Dann streiche ich in jedem Absatz die unnötigen Sätze und schliesslich in jedem Satz die unnötigen Wörter.
  2. inkblotsIch brauche gewöhnliche Wörter und bevorzuge das Konkrete vor dem Abstrakten: Ich nenne ein „Huhn“ ein „Huhn“, anstatt „Federvieh“ oder „Lebewesen“, so weiss ich gleich, worum es geht.
  3. Mit Beamtensprache verliere ich keine Zeit. Also nenne ich den „Jäger“ fix beim Namen, anstatt zu schreiben „ein im Forstwesen zuständiger Flora und Fauna regulierender Waldbeamter mit Langwaffenbesitz- und Gebrauchsberechtigung“.
  4. Zudem verwende ich Verben anstatt überlanggezogene Hauptwörter. Auf dem Hühnerstall eines Bauern steht: „Betreten der Hühnerleiter verboten. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht.“ Er würde besser schreiben: „Pass auf bei der Hühnerleiter, sonst landest du hinter Gitter.“
  5. Ich umgehe Passivkonstruktionen. Anstatt „Das Huhn wurde in der Nacht vom 12. August von Federfux aus dem Hühnerstall gestohlen und vor Ort gefressen“, schreibe ich lieber „Ich stahl das Huhn und frass es federblitz federblank.“ Das klingt doch viel köstlicher!

 

 
P.S.: Mehr Tipps und Tricks gibt’s im Kapitel „Stil“ meiner «Fliegenden Schreibwerkstatt». Die ist vollgepackt mit meinen besten Erzählkniffen. Schaut mal rein, wenn ihr mögt.