Schreibimpuls aus dem Kreativen Schreiben: „Erwachsenenspiele – Schreibe eine Geschichte über ein Spiel, das Erwachsene spielen.“

Oh, Darling!

Herr und Frau Pfiff liebten sich wirklich. Nicht nur vordergründig – ihre Liebe war tiefgründig, abgründig, grundtief. Man könnte sagen: Sie waren der Inbegriff, die Verkörperung, das Vorzeige-Exemplar einer gelingenden Ehe.

Jeden Morgen stand Frau Pfiff eine Stunde vor ihrem Mann auf. Liebevoll röstete sie die Kaffeebohnen, die sie in Hundertgramm-Tütchen beim Feinkostladen besorgte. Vorsichtig leerte sie eine Tasse voll brauner Bohnen in die Röstpfanne, die schon glühte, und liess die Bohnen rösten, bis sie schwarz waren. Lächelnd zog sie ein Glas aus der hintersten Ecke des Gewürzkastens hervor, griff hinein und warf eine Handvoll getrockneter Mistfliegen dazu, die sie mit einem Fliegennetz beim Miststock des Nachbarn geerntet hatte. Während sie Herrn Pfiff in tiefem Schlummer wähnte, mahlte sie die Röstmischung mit der Kaffeemühle und einem Lächeln im Gesicht.

Mit demselben Lächeln im Gesicht schlich Herr Pfiff zur selben Zeit in den unteren Stock hinunter zum Schuhkasten. Leise griff er nach der Laubsäge hinter der Garderobe, schnappte sich die neuen Stöckelschuhe seiner Frau und sägte sie an. Nicht zu tief, nicht zu oberflächlich. Sie mussten halten, bis Frau Pfiff in der Altstadt aufs Kopfsteinpflaster trat und dann… vor dem Eingang des Hotels „Zum Hirschen“, knack, oh Darling….

„Oh Darling, deine Lieblingsmischung ist bereit!“, rief Frau Pfiff und spuckte mit spitzen Lippen eine Schaumkrone auf Herrn Pfiffs Kaffee.

„Oh Darling, wie könnte ich eine andere mehr lieben als dich!“, rief Herr Pfiff aus dem Keller hinauf und stellte die Stöckelschuhe zurück.

Während Herr Pfiff seinen Morgenkaffee trank, lächelten die beiden einander an, in unablässiger Liebe.

Lächelnd begleitete Frau Pfiff Herrn Pfiff zur Garderobe und half ihm in den Mantel. Dabei liess sie eine kleine Stinkbombe in den Schlitz am Rückenende gleiten, den sie mit einer feinen Schere in den Mantelsaum geschnitten hatte.

„Darling, ein Mann in deiner Position muss immer gut riechen!“, sagte Frau Pfiff und spritzte Herrn Pfiff ein Wölkchen Eau de Cologne an den Hemdkragen.

„Darling, treffe ich dich heute zum Mittagessen in der Stadt?“, fragte Herr Pfiff.

„Ach, Darling, nichts würde ich lieber tun, aber heute muss ich den ganzen Tag putzen und das Haus in Schuss halten.“

„Schade, Darling“, sagte Herr Pfiff, „dass ich nicht das Vergnügen habe.“

„Ach Darling, leider nein, was sein muss, muss sein.“

Sie küssten sich lächelnd, und Frau Pfiff schloss die Haustür hinter sich.

Kaum war Herrn Pfiffs Wagen angesprungen, hüpfte Frau Pfiff in ihre roten Stöckelschuhe und brauste in die Stadt.

Neben dem Eingang des Hotels „Zum Hirschen“ kauerte Herr Pfiff hinter einer Buchsbaumhecke und rieb sich die Hände.

Schon stöckelte Frau Pfiff in ihren roten Stöckelschuhen über das Kopfsteinpflaster und rief:

„Oh, Darling!“ und fiel einem Mann um den Hals, von dem Herr Pfiff mit Bestimmtheit sagen konnte, dass es nicht Frau Pfiffs Ehemann war. Da knackte ihr Absatz, knackte und knickte, und mit ihm knickte Frau Pfiff in eine Strassenpfütze, sodass es spritzte.

„Oh Darling, wie könnte ich eine andere mehr lieben als dich!“, rief Herr Pfiff hinter dem Buchsbaum hervor, hüpfte auf und nieder vor Lachen, bis die Stinkbombe in seinem Mantelsaum platzte.